Deutschland ist für die Tschechen "Inspiration und Schmerz" sagte einmal der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Havel. Damit traf er, so denke ich, das deutsch-tschechische Verhältnis sehr gut. Zum einen sind da natürlich die schmerzlichen Erinnerungen an die Einverleibung durch Nazideutschland, an Theresienstadt oder der Ort Lidice, der nach dem Heydrichattentat von den Nazis mit seinen Einwohnern ausradiert wurde.
Auf der anderen Seite konnte ich feststellen, dass es sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Tschechen gibt. Und damit meine ich nicht die gemeinsame Vorliebe für gutes Bier und Essen. Mit keinem Land hat Deutschland eine so lange Grenze, und in Umfragen sagen die meisten Tschechen, von allen Fremdsprachen Deutsch am besten zu verstehen. In dieser Sprache schrieben einige ihrer größten Schriftsteller, etwa Franz Kafka, Franz Werfel und Egon Erwin Kisch. Gerade in den Grenzgebieten sind über lange Zeit deutsch-tschechische Kulturräume entstanden.
Natürlich gibt es nach wie vor die bekannten gegenseitigen Klischees. Für EU-Erweiterungskommissar Verheugen sind Tschechen misstrauische Menschen. Gäbe es einen "Nobelpreis für Skepsis", sagte er einmal, würde ihn jedes Jahr ein Tscheche gewinnen. Sicher sind unsere tschechischen Nachbarn relativ misstrauisch. Betrachtet man sich aber ihre Geschichte z.B. der langen Fremdbestimmung durch die Habsburger Monarchie, die Besetzung durch Hitlerdeutschland und später durch den "großen Bruder" Sowjetunion, weiß man warum. Im übrigen machen die Tschechen selbst gern Witze über ihre Eigenart: "Ein Tscheche ist immer unzufrieden und wenn nicht, dann ist er unzufrieden, dass er nicht unzufrieden ist".
Heute ist Deutschland nicht mehr der Feind sondern, zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht, ein großes Vorbild. So spielt der westliche Nachbar regelmäßig in der Berichterstattung der Medien eine Rolle. Tschechien ist auf dem besten Weg seinen Platz in der Europäischen Union zu finden und ich bin mir sicher, dass es seinen westlichen europäischen Nachbarn bald in nichts nachstehen wird. Die Voraussetzungen dafür sind auf jeden Fall gegeben.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mißtrauen ganz schnell verschwindet, wenn man auf unsere gastfreundlichen tschechischen Nachbarn zugeht und zeigt, dass man sich für ihre Kultur interessiert.
Möglichkeiten zum Austausch gibt es viele.
.

